Das G-Wort hält Einzug in Istanbul

DieZeit berichtet, dass Istanbul massiv von Gentrifzierungsprozessen betroffen sei. Und zwar nicht von der sanften Sorte. Ganz im Gegenteil: In Istanbul passiert Gentrifizierung mit der Abrissbirne:

„[…] Ende September ertönte der neue Sound von Tarlabaşi: einstürzende Altbauten. Die Firma GAP Insaat räumt leere Häuser mit riesigen Baggern ab. Baulücken entstehen, Nachbarhäuser wanken, das Altstadtviertel verschwindet Stück um Stück. Bittet man GAP Insaat um ein Gespräch, wird man auf den Hochglanzkatalog verwiesen, der die schöne neue Welt von Tarlabaşi zeigt. Statt bröckelnder Fassaden funkelnde Neubauten mit klassizistischen Applikationen. Statt schlichten Stucks überladene Verzierungen, so schön wie nie zuvor. Statt der Rampen für die Kohlen ein Büro für den Hausmeister. Statt des Klos auf halber Treppe ein 50-Quadratmeter-Wohnzimmer. Mit dem Viertel werden die Menschen aufgehübscht. Kopftuchfrauen und schwarzhaarige Schmuddelkinder gucken von den alten Fotos. Die Computervision der Zukunft lässt Models auf hohen Hacken durch die Straßen laufen, Anzugträger, blonde junge Typen. […]“

Sich dagegen zu wehren, scheint kaum möglich zu sein. Auch nicht für private Eigentümer vor Ort:

„[..] Die Firma GAP Insaat will mir meine Häuser abkaufen – für einen Bruchteil ihres Wertes!«, beklagt sich Gün. Lehnte er ab, ginge GAP Insaat als staatlich eingesetzter »Generalsanierer« des Viertels zur Stadtverwaltung und erklärte das Scheitern der Verhandlungen. »Dann kommt die Enteignung.«[…]“.

Legitimiert wird das ganze von der Stadt selbst:

„[…] Jahrelang verweigerte ihm die Stadtverwaltung die Erlaubnis, mit Hinweis auf den strengen Denkmalschutz. Dann aber verabschiedete die AKP-Regierung ein »Stadterneuerungsgesetz«, das es den Verwaltungen erlaubt, ganze Viertel gegen den Willen der Eigentümer »neu zu entwickeln«. Seither sind die Großsanierer am Zug. GAP Insaat übrigens, bemerkt Ahmet Gün bitter, gehöre der Calik-Holding, die der regierenden AKP nahestehe. Im Vorstand sitze ein Verwandter von Premier Tayyip Erdoğan. GAP Insaat soll nun das Hotel bauen.[…]“

Die Verdrängung von sozialen Schichten scheint in diesem Stadtteil in regelmäßigen Zyklen zu verlaufen:

„[…] Es wird die dritte Umwälzung von Tarlabaşi in fünfzig Jahren. Nach den Griechen und Armeniern werden nun die Kurden und die Roma vertrieben. Die Teejungen und Prostituierten, die Kellner und Musiker, die Köfteverkäufer und Schuhputzer. All jene, die in den Touristenvierteln von Istanbul ihre Dienste verrichten und auf der dunklen Rückseite der Boulevards leben, nur ein paar Minuten entfernt. Sie werden sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können, denn Sozialwohnungen sind nicht geplant. Sie werden irgendwo in den Slums am Stadtrand eine neue Bleibe finden – um dort arbeitslos zu sein. Die Außenviertel in der Megametropole Istanbul sind eine Welt für sich, noch mit dem Bus mehr als eine Stunde weit weg.[…]“

Die Bodenspekulation geht in Istanbul munter weiter. Gerade auch aufgrund der Ausweisung als Kulturhauptstadt Europas. Dass dabei attraktiver Altbaubestand für immer verloren geht, scheint bisher noch niemanden zu stören. Noch.

Hier geht es zum DieZeit-Artikel…

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